Menschen, die uns besonders nahe standen und die ihren irdischen Pilgerweg
vollendet haben, halten wir in liebender Erinnerung. Sie leben fort in
unserern Gedächtnis. Oft bewahren wir aber auch Dinge auf, die sie zu
Lebzeiten benutzt haben, etwa die goldene Taschenuhr des Vaters, oder einen
echten Schmuck der Mutter. Auch die Kirche bewahrt Dinge auf, die bedeutende
Christen in ihrem Leben gebraucht haben. Die Mönche von St. Ottilien
begingen am 29. Juni 2003 die Hundertjahrfeier ihrer Abteikirche. Beim
Festgottesdienst, den der apostolische Nuntius feierte, stand neben den
grogen Kelchen zur Kelchkommunion der vielen Priester ein kleiner
Reisekelch, wie man ihn in der Mission verwendet. Es war der Kelch von
Bischof Cassian Spiss OSB. Pater Spiss wurde in dieser Kirche im Jahre 1902
zum Missionsbischof geweiht. Wenige Jahre danach wurde er mit seinen
Gefährten in Tansania ermordet. Sein Missionarskelch ist zur kostbaren
Reliquie geworden, der an sein Martyriurn erinnert. - In zahlreichen Kirchen
werden ähnliche Reliquien aufbewahrt - in Assisi das Ordensgewand des
heiligen Franzikus, in Bamberg der Wanderstab des heiligen Otto und der
Mantel der heiligen Kaiserin Kunigunde, in Fulda das Evangeliar, das der
heilige Bonifatius in Händen hielt, als er erschlagen wurde.
Die Verekrung des --Wahren Kreuzes-- Christi
Grösste Verehrung jedoch erfuhren jene Reliquien, die mit Jesus oder der
Gottesmutter in Beziehung gebracht wurden. So das Heilige Haus von Nazareth,
das Haus der Verkündigung, welches im Mittelalter nach Loretto übertragen
wurde und dort verehrt wird, der Heilige Rock in Trier, und als kostbarste
Reliquie das --Wahre Kreuz-- Christi. Ein Bericht aus dern 4. Jahrhundert
erzählt von der wunderbaren Auffindung des echten Kreuzes Christi durch die
Kaiserin Helena in Jerusalem. Das heutige Fest --Kreuzerhöhung-- hat seinen
Ursprung in in diesem Bericht und in der Weihe der Grabeskirche am
historischen Ort der Kreuzigung Jesu. Das Fest ist also nicht eine
Verdoppelung des Karfreitags. Diese Kreuzreliquie fiel im Jahre 1187
endgültig in nicht-christliche Hände und ist seitdem verschollen. Ob diese
Kreuzreliquie das echte Kreuz Christi war, kann heute niemand beweisen, aber
auch niemand widerlegen. Jedenfalls hat die Verehrung dieses --Wahren
Kreuzes-- Christi in den Kirchen des Ostens wie des Westens ein breites Echo
gefunden. Die zahlreichen Jerusalempilger haben dafür gesorgt, dass die
Kunde von diesen hochverehrten Heiligtümern überall hin verbreitet wurde. So
entstanden an manchen Orten herrliche Kreuzkirchen, weil in diesen Kirchen
ein Splitter vom wahren Kreuz Christi aufbewahrt und verehrt wurde.
Ein bleibender Sinn dieses Festes
Wir wundern uns heute über diese Reliquienfreundlichkeit vergangener Zeiten.
Dennoch war es richtig, dass dieses Fest, das in diesern Jahr auf einen
Sonntag fällt, bei der Liturgiereform nicht aus dem Kalender gestrichen
wurde. Das Fest --Kreuzerhöhung-- birgt einen tiefen Sinn. In dem Verlangen
christlicher Frömmigkeit, etwas zu sehen und zu berühren, dass auch Jesus
berührt hat, liegt nicht ein magischer Aberglaube oder Fetischismus. Darin
verbirgt sich viel mehr die gläubige Gewissheit von der wahren Menschwerdung
Gottes in Jesus Christus. DerGlaube meint es ernst mit dem Bekenntnis --Das
Wort ist Fleisch geworden--. Nicht eine fromme Legende oder ein Mythos, eine
Art sakraler Sage ist der Ursprung des Glaubens an die Menschwerdung Gottes,
sondern die geschichtliche Wahrheit, wie es im ersten Johannesbrief heißt:
--Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir mit unseren Augen
gesehen, was wir geschaut und was unsere Hände angefasst haben, das
verkünden wir: das Wort des Lebens.-- (1 Joh 1, 11)
Der Apostel Paulus hat in dem Philiperbrief einen Lobpreis Christi
aufgenommen, der wohl aus dem Gottesdienst der frühesten Gemeinden stammt.
Wir hörten dieses Christuslied in der Lesung. Die Gläubigen der frühen
Gerneinden hatten noch eine realistische Vorstellung von der Schmach des
Kreuzes. Die Botschaft vom Kreuz ist --für die Juden ein empörendes Argernis
und für die Heiden eine Torheit-- schreibt Paulus an die Korinther (1 Kor
1,23). Obwohl die Botschaft vom Kreuz eine Behinderung der christlichen
Mission war, bekennt die früheste Kirche die geschichtliche Wahrheit vom
Kreuzestod Jesu. Von der Enttäuschung, der Furcht und Ratlosigkeit, welche
die Jünger am Karfreitag erfüllte, ist in diesem Christuslied nichts mehr zu
spüren. Der Gekreuzigte war ihnen entgegengetreten in seiner Auferstehung
und zeigte ihnen seine durchbohrten Hände und Füße. Da gingen ihnen die
Augen auf und sie erkannten in dem, von den Menschen Verstoßenen, den vom
Vater Erhöhten. Wir sind eingeladen am Fest --Kreuzerhöhung-- mit den
Christen der Urkirche einzustimmen in den Lobpreis der Demut Gottes, der in
Jesus Christus auf alle Macht und Herrschaft verzichtete und in seiner
Menschwerdung - um unseres Heiles Willen - den letzten Platz einnahm, den
Menschen ihm zugewiesen haben. Wir stimmen ein in den Lobpreis des
Philiperbriefes und bekennen:
Jesus Christus ist der Herr zur Ehre Gottes
des Vaters
Konrad Lachenmayr
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